Josef Spindelböck
Der große Gott wird klein für uns
Predigt am
Hochfest der Geburt des Herrn
Messe am Tag, 24./25. Dezember 2011,
Lesejahr B
Messe
in der Nacht: L 1: Jes 9,1-6; L 2: Tit 2,11-14; Ev: Lk 2,1-14
Am
Morgen: L 1: Jes 62,11-12; L 2: Tit 3,4-7; Ev: Lk 2,15-20
Am
Tag: L 1: Jes 52,7-10; L 2: Hebr 1,1-6; Ev: Joh 1,1-18
Liebe Brüder
und Schwestern im Herrn!
Jeder Mensch trägt in seinem
Herzen eine Sehnsucht nach Gott, ob
er sich dessen ausdrücklich bewusst ist oder nicht. Im Tiefsten seiner Seele
verlangt er nach Wahrheit, Güte,
Schönheit und Liebe; denn eben darin findet er sein Glück.
Und
das Schicksal der Menschheit insgesamt und auch jedes einzelnen Menschen
entscheidet sich an der Frage, ob denn diese Sehnsucht nach Gott eine Antwort
finden kann oder nicht. Gibt es diesen
Gott, nach dem wir uns – bewusst oder unbewusst – sehnen, nach dem wir mit allen Kräften unseres
Herzens verlangen und der uns für immer selig zu machen vermag
in der Gemeinschaft seiner Liebe? Oder
ist der Gottesglaube eine Illusion, eine Einbildung, mit der man sich über
die Schwierigkeiten dieser Weltzeit hinwegtröstet und so all das Furchtbare und
Grausame vergisst, das uns leider immer wieder begegnet? In diesem Sinn hätte Karl Marx dann recht gehabt, wenn er
die Religion als „Opium des Volkes“
bezeichnet hat, also gleichsam als Betäubungsmittel, das uns die harte
Wirklichkeit vergessen macht, damit wir das Leben überhaupt ertragen können.
Wo also ist Gott zu
finden,
wenn es ihn überhaupt gibt? Wie können
wir ihm begegnen, wie finden wir Gemeinschaft mit ihm und das ewige Heil?
Das
Weihnachtsfest gibt uns die Antwort: Gott selbst ist uns Menschen
entgegen gekommen. Er hat sich nicht verborgen, sondern sich uns mitgeteilt. Und diese Offenbarung Gottes ist auf unerhörte und
letztgültige Weise in seinem Sohn
geschehen: Gott ist Mensch geworden in
Jesus Christus! Er ist unser Heiland
und unser Erlöser. An ihn
glauben wir; ihn beten wir an, so wie er da liegt als Kind in der Krippe!
Später,
als erwachsener Mann, wird Jesus mit vollem Recht sagen: „Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat“ (Joh 12,45). Denn
er und der Vater sind eins; er ist
im Vater, und der Vater ist in ihm. Im Heiligen Geist hat der Vater den Sohn in die Welt gesandt, damit die
Menschen an ihn glauben und so das Heil
und die Erlösung finden.
Gott
wollte gleichsam anschaulich werden, und deshalb ist er einer von uns geworden.
„Das Wort ist Fleisch geworden, und hat
unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom
Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14).
Es
braucht keine großen philosophischen Spekulationen oder gewagten theologischen
Überlegungen, um Gott zu erkennen! Wie die einfachen Hirten sind auch wir
aufgerufen, im Geiste zum Kind in der
Krippe hinzugehen und es anbetend zu verehren. Wen vermag diese Herablassung Gottes zu uns Menschen
nicht anzurühren?
Nicht die Mächtigen
und Reichen haben das Privileg einer größeren Nähe Gottes; den Himmel kann man
sich nicht mit Geld erkaufen. Wer vielmehr in
seinem Herzen offen und bereit ist, kann das Heil empfangen! Die unsagbare
Gnade Gottes annehmen kann nur der
Mensch, der selber klein wird und sich niederkniet beim Kind an der Krippe. Denn
in seiner Liebe zu uns hat Gott seine ganze Größe und Herrlichkeit gezeigt!
Amen.
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