Predigt
von Kardinal Hoyos
bei der Feier
der hl. Messe im klassischen römischen Ritus in Rom
Am 24. Mai 2003, dem Fest der Muttergottes, Hilfe der
Christen, fand in der römischen Basilika Santa Maria Maggiore ein Gottesdienst
im „überlieferten römischen Ritus“ statt. Zelebrant war Kurienkardinal Dario
Castrillón Hoyos, Präfekt der Kleruskongregation und Präsident der Kommission
„Ecclesia Dei“.
Im ersten Teil seiner Predigt sprach Kardinal Hoyos über „Maria, die heiligste
Gottesmutter“. Darin bezog er sich vor allem auf das 2. Vatikanische Konzil, das
in Kontinuität mit der gesamten Tradition der Kirche die Verbindung zwischen
Maria und der Kirche hergestellt habe (vgl. Kapitel VIII der Dogmatischen
Konstitution „Lumen gentium“).
Der zweite Teil der Predigt handelte über den „Nachfolger Petri“. „Es ist
Johannes Paul II., unser vielgeliebter Papst, auf den sich nun unsere Gedanken,
unser Gebet und unser tiefer und liebevoller Sinn für die kirchliche
Gemeinschaft richten. Im Lauf dieser 25 Jahre waren sein Leben und sein Dienst
als apostolischer Oberhirte geprägt von der unermüdlichen Verteidigung der
Wahrheit, von der völligen Hingabe an das Anliegen der Einheit der Kirche und
durch die prophetische und mutige Hirtensorge im Eintreten für einen wahren und
gerechten Frieden zwischen den Völkern und zwischen allen Menschen. Je
hinfälliger seine physische Person erscheint, desto stärker ragt seine
moralische und geistliche Rolle vor der Menschheit hervor. ‚Und du, stärke
deine Brüder!’ (Luk 22,32). Wir sind uns mehr denn je bewußt der Stürme und
Herausforderungen, die sich dem Mystischen Leib Christi stellen. Das ist das
Los der Kirche, göttlich in ihrem Wesen und menschlich in ihren Gliedern. Wir
leiden unter so vielen Widersprüchen, die die menschliche Natur und die Sünde
der stürmischen Geschichte unserer Menschheit und dem Gang der Kirche auf ihrer
Pilgerreise zum endgültigen Vaterland zufügen können. Aber wir sind eingeladen,
immer von neuem unser Vertrauen in den Herrn der Geschichte, den Gründer und
das unsichtbare Haupt seines Mystischen Leibes zu erneuern: ‚Habt keine Angst…
Ich habe die Welt überwunden’ (Joh 16,33). Die Kirche ist siegreich durch den
fortwährenden Beistand des Heiligen Geistes, Garant der Kontinuität des
katholischen Glaubens: ‚und die Pforten der Hölle werden sie nicht
überwältigen’ (Mt 16,18). Siegreich, weil uns in den Sakramenten die Gnade
garantiert ist, die uns umwandelt und heiligt. Die Kirche ist siegreich, weil
sie auf den Felsen Petri gegründet ist, der kein anderer ist als der Fels Christi
selbst. Siegreich, weil die Gemeinschaft mit den rechtmäßigen Hirten jenes
Kennzeichen der Katholizität garantiert, das unerläßlich ist um in der
mystischen Gemeinschaft des Leibes Christi zu verharren. Die Kirche ist
siegreich in ihren Heiligen: Wie zahlreich und beispielhaft sind die Gestalten
überragender Heiligkeit, mit denen der Heilige Vater das Verzeichnis der
Heiligen erweitert hat, und die er uns im Lauf dieses Vierteljahrhunderts
seines Pontifikats vorgelegt hat.“
Der dritte Teil der Predigt wandte sich dem „verehrungswürdigen Ritus des
heiligen Pius V.“ zu. „Heute gestattet uns eine providentielle Koinzidenz, Gott
seinen Kult zu erweisen, indem wir das göttliche Opfer nach dem römischen Ritus
feiern, der Form angenommen hat in dem sogenannten Missale Pius V.; seine
sterblichen Hüllen ruhen eben in dieser Basilika. Hier haben wir die dritte
Gestalt, die bei dieser Feier wohl zugegen ist. Sie selbst, geliebte Gläubige,
die Sie eine besondere Anhänglichkeit haben an diesen Ritus, in dem jahrhundertelang
die offizielle Form der römischen Liturgie bestand, haben die Initiative
ergriffen für diese heutige Zelebration. Und ich war glücklich, daß ich diesem
Anliegen entsprechen konnte, das weit über die Zahl hinausgeht, die Sie sind,
sowohl weil es motiviert war durch eine kindliche Anhänglichkeit an den
Heiligen Vater, anläßlich des nahenden 25jährigen Jubiläums seines Pontifikats,
als auch um die Früchte der Heiligkeit anzuerkennen, die das christliche Volk
aus der heiligen Eucharistie im Rahmen dieses Ritus empfangen hat.
Man kann nicht sagen, daß der Ritus des heiligen Pius V. erloschen sei, und die
Autorität des Heiligen Vaters hat seine wohlwollende Aufnahme gegenüber jenen
Gläubigen ausgedrückt, die, bei gleichzeitiger Anerkennung der Legitimität des
römischen Ritus, wie er nach den Vorgaben des II. Vatikanischen Konzils
erneuert wurde, dem vorhergehenden Ritus verbunden bleiben und darin eine
solide geistliche Nahrung finden für ihren Weg der Heiligung. Im übrigen hat
dasselbe II. Vatikanische Konzil erklärt, daß ‚… die heilige Mutter Kirche
allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es
ist ihr Wille, daß diese Riten in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert
werden, und es ist ihr Wunsch, daß sie, soweit es not tut, in ihrem ganzen
Umfang gemäß dem Geist gesunder Überlieferung überprüft und im Hinblick auf die
Verhältnisse und Notwendigkeiten der Gegenwart mit neuer Kraft ausgestattet
werden’ (Sacrosanctum Concilium Nr. 4).
Der alte römische Ritus behält also in der Kirche sein Bürgerrecht im Rahmen
der Vielfalt der katholischen Riten, sowohl der lateinischen wie der
orientalischen. Was die Verschiedenheit dieser Riten einigt, ist derselbe
Glaube an das eucharistische Geheimnis, dessen Bekenntnis stets die Einheit der
heiligen, katholischen und apostolischen Kirche sichergestellt hat.
Johannes Paul II. hat anläßlich des zehnten Jahrestags des Motu proprio
Ecclesia Dei alle Katholiken aufgerufen, ‚Zeichen der Einheit zu setzen und
ihre Zugehörigkeit zur Kirche zu erneuern, damit wir der rechtmäßigen
Pluralität und den verschiedenen Mentalitäten Respekt entgegenbringen und sie
keinen Anlaß zur Trennung darstellen, sondern uns vielmehr anregen, gemeinsam
das Evangelium zu verkünden. So möge der Heilige Geist, der alle Charismen zur
Einheit zusammenfügt, uns alle ermutigen, auf daß wir alle den Herrn
verherrlichen und das Heil allen Völkern verkündet werde’ (OR Nr. 50 S. 11).
All das ist ein Anlaß zu besonderer Dankbarkeit gegenüber dem Heiligen Vater.
Wir zeigen uns von Herzen erkenntlich für das zarte und väterliche Verständnis,
das er all denen bezeugt, die in der Kirche den Reichtum lebendig halten
wollen, den diese ehrwürdige liturgische Form darstellt; sie hat seine Kindheit
und Jugend genährt, sie war diejenige seiner Priesterweihe, seiner Primiz,
seiner Bischofskonsekration, und sie hat also Anteil an seiner schönsten Krone
von geistlichen Erinnerungen.
Ich weiß, daß Sie dem Heiligen Vater überaus dankbar sind für die Einladung,
die er an die Bischöfe der ganzen Welt gerichtet hat, ‚den Gläubigen gegenüber,
die sich der alten Liturgie verbunden fühlen, Verständnis und pastorale
Aufmerksamkeit entgegenzubringen. An der Schwelle des Dritten Jahrtausends
mögen sie allen Katholiken helfen, die Feier der heiligen Geheimnisse mit jener
Ehrfurcht zu begehen, die auch wirklich ihr geistliches Leben nähren kann und
zur Quelle des Friedens wird’ (OR Nr. 50 S. 11).
Diese Ehrfurcht muß, wie der Aquinate lehrt, die größtmögliche sein, ‚propter
hoc quod in hoc sacramento totus Christus continetur’ (III q.83).
Wir sind alle aufgerufen zur Einheit in der Wahrheit, im gegenseitigen Respekt
vor der Verschiedenheit der Meinungen, auf der Grundlage desselben Glaubens,
indem wir ‚in eodem sensu’ vorwärtsschreiten und uns des augustinischen Wortes
erinnern: ‚In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas.’“
Quelle (redaktionell modifiziert): http://www.trad.info/news/news.php?show=200
HTML-Format erstellt und auf www.stjosef.at
publiziert von Dr. Josef Spindelböck am 29.05.2003.